Praxis
1) Lernt, völlig unempfänglich zu sein für Empfindungen, die aus äußeren Formen entstehen, und reinigt euren Körper dadurch von der Empfänglichkeit für Äußerlichkeiten.
2) Lernt, alle Unterscheidungen zwischen diesem und jenem, die aus euren Empfindungen entstehen, keine Beachtung zu schenken, und reinigt eure Körper dadurch von unnötigen Unterscheidungen zwischen einer Erscheinung und der anderen.
3) Seid besonders bedacht, euch aller Unterscheidungen in angenehme und unangenehme Empfindungen zu enthalten, und reinigt eure Körper dadurch von nutzlosen Unterscheidungen.
4) Vermeidet es, euch über irgend etwas Gedanken zu machen, und reinigt euren Körper dadurch vom begrifflichen Denken.
Vollkommen ohne Begriffe sein, das ist die Weisheit des Nichthaftens. Bleibe jeden Tag, im Gehen oder Stehen, im Sitzen oder Liegen und in allen deinen Reden, losgelöst von allen Dingen im Bereich der Erscheinungen.
Ob du redest oder nur mit den Augen blinzelst, tue dies mit völliger Ungebundenheit. Wir nähern uns dem Ende der dritten Periode von fünfhundert Jahren seit den Tagen Buddhas, und die meisten Schüler des Zen hängen noch an aller Art von Klängen und Formen. Warum eifern sie mir nicht nach, indem sie jeden Gedanken gehen lassen, als wäre er nichts, oder als wäre er ein Stück faules Holz, ein Stein oder die kalte Asche eines ausgegangenen Feuers? Oder warum geben sie nicht die schlichte Antwort, die gerade die Umstände verlangen?
Wenn du nicht so handelst, dann wirst du am Ende deiner Tage von Yama gepeinigt werden. Du musst dich freimachen von den Lehren der Existenz und Nichtexistenz.
Verwechsle niemals die äußere Erscheinung mit der Wirklichkeit. Vermeide den Irrtum, in Begriffen wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu denken. Die Vergangenheit ist nicht vergangen, die Gegenwart ist ein flüchtiger Augenblick , und die Zukunft muss erst nicht kommen.
Euer einziges Bestreben sei, während ein Gedanke dem anderen folgt, an keinem Gedanken zu hängen.
Wenn du Versenkung (Zazen) übst, dann sitze in der richtigen Haltung, verharre in vollkommener Ruhe und erlaube nicht der geringsten Denkbewegung, dich zu stören. Dies allein ist es, was man Befreiung nennt.
Oh, und sei gewissenhaft. Sei gewissenhaft! Von Tausenden oder Zehntausenden, die den Versuch machen, dieses Tor zu durchschreiten, gelingt es vielleicht vieren oder fünfen. Achtest du nicht auf meine Warnungen, dann wird mit Sicherheit ein Unglück folgen.
Darum steht geschrieben: Streng deine Kräfte an in diesem Leben, Sonst musst Äonen du nach der Vollendung streben.
Zen-Meister Huang-Po (9.JH.)
Beeilt euch! Die Zeit harret nicht des Menschen.Ein Ausatmen garantiert keineswegs das folgende Einatmen. Oder habt ihr noch einen zweiten Körper und Geist zu verpulvern? Ihr müsst unbedingt aufmerksam sein! Gebt auf euch acht! Es ist eine Tatsache, dass die Lebenskraft so schnell von uns abfallen kann wie ein Tautropfen von der Spitze eines Grashalms.
Das Menschenleben ist so leicht zu zerstören wie eine Seifenblase. Deshalb ist es ein verhängnisvoller Fehler und eine große Dummheit, die Übungen auf dem geistigen Weg aufzuschieben mit der Begründung, man sei im Augenblick zu sehr beschäftigt, doch würde man später, wenn man mehr Zeit habe, mit dem geistigen Weg beginnen. Unversehens kann uns der Tod überraschen, ob wir darauf vorbereitet sind oder nicht. Deshalb stirb, noch bevor du stirbst, damit sich dein inneres Auge öffnet, bevor sich das äußere für immer schließt. Werde ganz zu Nichts – »MU« – und du bist wach und stehst in der grenzenlosen Freiheit des Seins. Dies ist das Überschreiten von Leben und Tod und somit das Übersteigen jeglicher Dualität.
Zen-Meister Zensho W. Kopp
